Die Oberstufe

(Klassen 9 bis 13)

Der Rahmen der eigentlichen Waldorfschule spannt sich bis zur 12. Klasse. Im Anschluss daran bereiten sich in einer 13. Klasse diejenigen Schüler auf das Abitur vor, die diesen Abschluss anstreben. Von der 9. Klasse an übernimmt ein Oberstufenlehrer die Klassengemeinschaft als "Tutor" oder „Klassenbetreuer“.

Der Lehrplan geht wieder von der Entwicklung der Schüler aus, die sich nun zwischen 14 und 20 Jahren befinden. Sie lernen weiterhin in Epochen, haben aber von der 9. Klasse an jetzt auch im Hauptunterricht Fachlehrer.

Was in den unteren Klassen in allen Fächern bildhaft angelegt ist, greifen die Oberstufenlehrer jetzt in einer neuen, begrifflichen und wissenschaftlichen Form auf. An der Objektivität und Exaktheit der Naturwissenschaften schulen die Jugendlichen ein Denken, das die Welt ohne Vor-Urteile zu begreifen sucht.

Indem sie sich intensiv mit deutscher und fremdsprachiger Literatur auseinandersetzen, mit Geschichte, sozialen und politischen Zusammenhängen, entwickeln sie ein Gefühl für menschliche Schicksale und für die Verantwortung, die damit verbunden ist.

Waldorflehrer sind bemüht, den sensiblen Prozess, in dem sich die Jugendlichen in diesem Alter befinden, nicht durch eine frühzeitige Spezialisierung zu stören. Vielfältige Praktika, die den Fachunterricht nun ergänzen, schaffen die Grundlage für eine lebenspraktische Ausbildung: In der 9. Klasse machen sie ihre Erfahrungen mit einem Landbaupraktikum, in der 10. Klasse mit einem Forstpraktikum, in der 11. Klasse mit einem Sozialpraktikum und in der 12. Klasse steht das Feldmess- und Betriebspraktikum auf dem Lehrplan. Das jeweilige Praktikum entspricht dem Entwicklungsstand der Schüler.

Wenn sich die Willens-, Gefühls, und Denkkräfte der Schüler gesund entwickeln können, treten die für dieses Alter typischen Phasen der Lustlosigkeit, der Kritiksucht und das Abgleiten in die Verehrung eines Idols nur als vorübergehende Stimmungen und nicht als ein lebensbestimmendes Element auf.

Der Waldorfabschluss
Ähnlich wie in der 8. Klasse erarbeiten sich die Schüler der 12. Klasse ein selbstgestelltes Thema. Das Thema ihrer Arbeit wählen sie frei nach ihren Neigungen, Begabungen und Fähigkeiten in Absprache mit einem Oberstufenlehrer oder einem fachlich kompetenten Menschen außerhalb der Schule. Die 12.-Klass-Jahresarbeiten bestehen jeweils aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. In einem Vortrag und praktischen Demonstrationen stellen die Schüler das Ergebnis ihrer Arbeit am Ende des Schuljahres der Schulgemeinschaft vor: Sie konstruieren Windkraftanlagen und Solarmobile, schreiben wissenschaftliche Abhandlungen, entwickeln neue Musikinstrumente, erforschen Naturphänomene, bauen Apparate, …
Wieder studiert die gesamte Klasse ein anspruchsvolles Theaterstück ein und führt es öffentlich auf. Mit einer letzten Klassenfahrt - oft einer Kunstreise - schließt die 12. Klasse ab.

Die 13. Klasse
Die Schüler, die das Abitur als Abschluss anstreben, bereiten sich danach in einer 13. Klasse auf die allgemeine Hochschulreife vor. Immer wieder wird die Befürchtung geäußert, die vielfältigen Aktivitäten an den Waldorfschulen könnten dazu führen, dass weniger Jugendliche zu qualifizierten Abschlüssen kommen als an Regelschulen. Die Erfahrung zeigt, dass die Befürchtung unbegründet ist: Dadurch, dass die Heranwachsenden nicht nur intellektuell angesprochen werden, entwickeln sie Kräfte, die ihnen helfen, den Prüfungsanforderungen gewachsen zu sein.